Island 2015
Ein Bericht von Andreas Levers

In den Süden

Es liegen 540km vor uns. Während der Polarfuchs verspielt um uns wuselt, packen wir unsere Koffer für die letzte lange Fahrt. Das Panorama der bis zu 30km langen Fjorde würde sich vor uns entfalten, wäre da nicht der allgegenwärtige Regen und Hochnebel. Wir überholen immer wieder Teilnehmer einer Fahrradrundreise, während wir selbst von überambitionierten Touristen und routinierten Einheimischen überholt werden. Die Touristen kassieren wir allesamt, als der nicht asphaltierte Teil der Ringstraße die normalen PKW heftig abbremst. Ein Zwischenhalt in Hvalnes lässt uns kurz verschnaufen. Am Vestrahorn führt uns ein weiterer Abstecher nach Stokksnes. Ein Baufahrzeug befestigt die Schotterpiste neu, was uns zu temporärem Linksverkehr zwingt. Einige Kilometer später halten wir am Vikingcafé Horn. Die Baracke wirkt wie eine Kulisse aus dem Film Fargo - ein windschiefer Flachbau mit elektrischer Heizung, einem Sammelsurium ausgedienter Büromöbel und der besten Kaffeemaschine, die wir in den letzten 2.800km zu Gesicht bekommen haben. So gestärkt und aufgewärmt besuchen wir die Halbinsel mit der alten militärischen Radarstation. Das Postkartenpanorama der Berge im Hintergrund bleibt mangels Sichtweite heute verborgen, aber der Besuch wird uns lange in Erinnerung bleiben. Er bringt die merkwürdige Mischung aus skandinavischer und US-Amerikansischer Kultur an einem skurrilen Ort vor spektakulärer Landschaft perfekt auf den Punkt.

Die Unmenge Touristen an der Gletscherlagune Jökulsárlón überlassen wir unterwältigt den lauten Busreisegruppen, Motorbooten und dem Geruch von Benzin. Stattdessen finden wir entlang eines kilometerlangen geraden Abschnitts der Straße einen Parkplatz im Nirgendwo, dessen endloser Weitblick unter dramatischem Wolkenhimmel uns wieder mit der Insel versöhnt. Die kargen Sanderfelder erstrecken sich links zum Meer und rechts zu den Ausläufern des Hochlands. Die Idylle dieser verlassenen Gegend erschließt sich nur mit der Ruhe eines vollen Tanks und eines funktionierenden Autos. Wir kündigen unsere Ankunft im Ferienhaus an, passieren 45 Minuten später Vík, ein verschlafenes Nest mit 300 Einwohnern, dass ein wichtiges Versorgungszentrum für die weitere Umgebung ist. Unablässiger Regen und die lange Fahrt in den Knochen halten uns davon ab den berühmten schwarzen Strand zu besuchen.

Stattdessen fahren wir zu dem Wrack einer im November 1973 notgelandeten Douglas DC3, die in der Einöde ein Foto-Klischee wurde. Das zornige Summen einer Fotodrohne der anderen Besucher lassen wir nach einigen Schnappschüssen zurück. Auf dem Weg zur Ringstraße nehmen wir ein Paar aus Miami mit. Die beiden haben ihren kleinen Ford aus Angst vor dem scharfkantigen Geröll einige Kilometer vorher stehen lassen. Wo hier Geländewagen dran steht, kommt auch nur Geländewagen weiter. Auch wenn der Weg ins Hochland versperrt bleibt, freue ich mich immer wieder über unseren robusten fahrbaren Untersatz.

Regenland

Aus dem zweiseitig verglasten Wohnzimmer sehen wir die über den Ozean an die Küste ziehenden Regenwolken. Trotz der Aussichten fahren wir los, da sich unsere Vorräte dem Ende zuneigen. Vorher machen wir einen Abstecher zum fotogenen Skógafoss, der einige Kilometer westwärts direkt an der Ringstraße liegt. Der Campingplatz wimmelt vor bunten Zelten. Bei unserer Ankunft ist kaum jemand wach, geschweige denn auf den Beinen. Ich nutze die Leere für ein paar Aufnahmen und stelle mir vor, wie idyllisch der Wasserfall aussieht, wenn die Sonne scheint. Als sich der Platz langsam füllt steigen wir eine etwa 200-stufige Treppen hinauf und verschnaufen auf der Aussichtsplattform. Bevor wir den Niederschlag im Ferienhaus aussitzen, füllen wir unsere Vorräte in Vík auf.

Ein durchgelesenes Buch und einen langsam vorübergezogenen Tag später geht es zu dem schwarzen Strand mit den imposant aufragenden Felsnadeln. Der Legende nach sind die versteinerten Trolle von der Sonne überrascht worden, als sie ihr Boot an Land ziehen wollte. Bei den dicken Wolken wäre ihnen das heute jedenfalls nicht passiert. Der Strand ist voll und in dem lauten Stimmgewirr aus Chinesisch, Englisch und Deutsch kommt keine richtige Stimmung auf. Wie schon an der Gletscherlagune und dem Skógafoss hat der Massentourismus Island auch hier erreicht.

Während die Wellen des Atlantiks unablässig gegen die Kiesel rollen, versuche ich mich an einige Fotos und bekomme zum Dank für meine Konzentration auf das Bild nasse Füße. Wir kehren dem Ozean den Rücken und lassen den Tag ausklingen, um morgen einen neuen Anlauf zu unternehmen.

Wetterwechsel

An unserem vorletzten Tag hat Island ein Erbarmen und am frühen Abend lichtet sich die Decke über uns. Zuerst besuchen wir den Felsen Dyrhólaey, der zum Schutz der brütenden Vögel nur zu bestimmten Uhrzeiten besucht werden soll. Vom Parkplatz blicken wir über den tiefschwarzen Strand in Richtung Vík, bevor wir einen glitschigen Wanderweg zum höher gelegenen Leuchtturm nehmen. Eine Rutschpartie später können wir von dort den sensationellen Ausblick über die Landschaft fast allein genießen. Mit der Erfahrung um die Besuchermengen vom gestrigen Ausflug verkochen wir unsere verbliebenen Lebensmittel zu einem improvisierten Abendessen, bevor wir deutlich später erneut den Strand bei Vík besuchen.

Die wenigen verbliebenen Besucher steigen größtenteils schon wieder in die Autos und die großen Reisebusse sind bereits weg. Aus dem Nordwesten scheint die Sonne über den Gletschern während die Wellen unablässig die schwarzen Kiesel schleifen. Kurz vor dem Ende unserer Reise zeigt sich Island von seiner besten Seiten. Eine endlos scheinende Weite und das beruhigende Geräusch des Ozeans in einer Landschaft, die es kein zweites Mal auf der Welt gibt. Die vielen Eindrücke, die Wanderungen und die ungezählte kilometerlange Ringstraße sind auf die beste denkbare Art erschöpfend.

Hellisheiði und Reykjavík

Vor unserer Abreise in Richtung Reykjavík treffen wir zum Glück noch unsere nette Gastgeberin in Begleitung ihres verspielten Hundes Loki und verabschieden uns mit einem freundlichen Gespräch. Auf dem Weg zu dem Motel in Flughafennähe passieren wir nach einigen kleineren Orten die Hochebene Hellisheiði, in der das größte geothermale Kraftwerk Islands in Sonnenschein und Schwefelgeruch seine Aufgabe erfüllt. Der Parkplatz des Besucherzentrums ist fast leer als wir ankommen. Der junge Isländer am Empfang hat große Freude daran, uns die Geschichte und Errungenschaften seines Arbeitgebers auf sympathische Art zu erläutern. Als Bonus werden gerade die wunderschönen abstrakten Gemälde einer isländischen Künstlerin ausgestellt, die mit Ölfarbe und Vulkanasche die Farben und Formen des Landes auf fesselnde Weise einfängt. Wir investieren noch ein paar Kronen in dem gut sortierten und angenehm unkitschigen Souvenirshop, bevor wir zur Hauptstadt weiterfahren. An den Berliner Stadtverkehr gewöhnt, ist Reykjavík wie ein Ausflug ins Umland an einem ruhigen Feiertag. Wir stellen den Wagen im Parkhaus des Konzerthauses Harpa ab und machen uns auf den Weg zur Hamborgarafabrikkan. Im Erdgeschoss des einzig nennenswerten Hochhauses im Land stärken wir uns mit sehr gut gemachten Burgern und sensationellem Nachtisch. Auf dem Rückweg am Wasser entlang schütteln wir die Spuren der Fressnarkose ab und schwimmen im Feierabendverkehr über die mehrspurigen Ausfallstraßen zu unserem Motel. Der Wecker ist auf 3:00 eingestellt, aber bei den hellhörigen Wänden ist an Schlaf kaum zu denken, geschweige denn an Frühstück, das erst deutlich später serviert wird. Übernächtigt und vor dem ersten Kaffee fahren wir allein auf der Straße zum Flughafen, wo wir unseren Grand Vitara nach 3.500km zurückgeben. Entgegen der Horrormärchen im Internet dauert das gefühlte 2 Minuten und wir schütteln den Rest Schlaf auf dem Weg zum Terminal zu Fuß ab.

Die späte Rache der Billigflieger folgt beim Check-In, als uns die Dame kurzerhand erklärt, das unser Gepäck nicht gebucht ist. Während hinter uns eine Pauschalreisegruppe über das Lunchpaket philosophiert investieren wir den Gegenwert eines mehrgängigen Abendessens in den Transport unserer Koffer, bringen den Sicherheitscheck hinter uns und sitzen kurze Zeit später trotzdem gut gelaunt im Airbus. Mit müden Beinen, einem Lächeln auf den Lippen und einer wunderschönen Zeit in der Erinnerung enden zwei schwer in Worte und Fotos zu fassende Wochen in einem der schönsten Länder der Welt. Takk fyrir, Ísland.

Unsere Reise buchten wir bei Island Reisen in Berlin und waren damit rundum zufrieden. An dieser Stelle ein großes Dankeschön!

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