Island 2015
Ein Bericht von Andreas Levers

Arnarstapi

Unsere innere Uhr weckt uns zuverlässig ohne Anpassung der Zeitzone morgens um fünf. Nach einem kleinen Frühstück brechen wir eine Stunde später bei 12° in die wolkenverhangenen Landschaft zu unserer ersten Wanderung auf. Dabei bemerken wir schnell, dass Vögel, anders als an der Ostsee, kein Futter wollen, sondern Brutplätze im Sturzflug verteidigen. Der Attacke entkommen wandern wir einen abwechslungsreichen Weg an der Küste entlang in das 2,5km entfernte Dorf Hellnar und sind bis zu unserer Ankunft dort die einzigen Wanderer weit und breit. Auf dem Rückweg füllt es sich langsam und kurz vor unserer Ferienwohnung wird aus vereinzelten Pärchen ein steter Strom deutscher Touristen, die ihren Ruhestand auf einer Busreise genießen und in Scharen hier auftauchen.

Gestärkt mit Kaffee machen wir uns auf den Weg um die Halbinsel. Die Straße durch den Nationalpark ist rechts und links von einer unwirklichen Ebene aus Lava gesäumt, die zum schneebedeckten Vulkan hin ansteigt. Der Vierzylinder-Benziner in unserem Wagen brummt protestierend vor sich hin während wir Steigungen und Kurven mitnehmen. Auf der nördlichen Seite angekommen stoppen wir kurz an einem der fotogenen Wasserfälle Islands, dem Kirkjufellfoss. Das schlechte Wetter und die anderen Reisenden im Bild lassen mir aber kaum Gelegenheit, selbst ein gutes Foto davon zu machen. Da wir erneut hierher kommen werden, fahren wir los bevor der nächste Bus ankommt.

Einen Kilometer und eine Gruppe Schafe auf der Straße weiter liegt der Ort Grundafjördur, in dem wir ein paar Lebensmittel kaufen und den Tank auffüllen. Ich weiß mangels Quittung zwar bis jetzt nicht, ob der Automat korrekt von meiner Karte abbuchen konnte, aber da mich die Polizei nicht verfolgt, gehe ich davon aus. Als nächste Premiere testen wir den 40° warmen Hot Pot im Garten unseres Ferienhauses aus. Zehn Minuten und 20mm/hg Blutdruck weniger gibt es ein tiefenentspanntes Abendessen aus gegrilltem Lamm und einem improvisierten Nudelsalat. Kulinarisch ist noch deutlich Luft nach oben.

Zum Abschluss des Tages fahren wir bei tiefstehender Sonne an schwarzen Strand von Djúpalónssandur. Zwischen den rund geschliffenen Kieseln verrosten die Überreste eines englischen Fischerbootes, das vor fast 70 Jahren hier zerschellte. Die Isländer lassen es bewusst als historisches Zeugnis hier zurück.

Früher haben junge Männer hier Findlinge gestemmt, um zu beweisen, dass sie stark genug für die Fahrten auf den Fischerbooten sind. Drei amerikanische Touristen versuchen auch ihr Glück, aber mit hohlem Kreuz, rotem Kopf und stoßweisem Atem wartet da eher eine Behandlung beim Orthopäden als ein Platz an Bord. Wenige Minuten später haben wir den kilometerlangen Strand für uns allein. Die von Jahrtausenden rundgeschliffenen und von der Sonne gewärmten schwarze Steine knirschen unter den Wanderschuhen. Zwei mal Abbiegen reicht hier scheinbar aus, um jedes Zeichen von Zivilisation zu tilgen. Keine Straße, keine Oberleitungen, kein Lärm. Müssten wir jetzt schon zurück, wäre ich nach diesem Abend trotzdem zufrieden.

Snæfellsnes

Der zweite Tag begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und einer frischen Brise von der Seeseite. Nach einem kleinen Frühstück machen wir uns erneut auf den Weg, um die Halbinsel weiter zu erkunden. Ohne die Umstellung auf die lokale Zeit sind wir morgens meist vor allen anderen unterwegs und können so den steilen aber kurzen Aufstieg auf den Krater Saxholl in Angriff nehmen. Die Asche und die Steine rutschen unter den Wanderschuhen während wir uns den Kegel hinaufarbeiten. Vom Rand aus genießen wir den sensationellen Fernblick und das erste Mal ist der Snæfellsjökull zu sehen, in dem Jules Verne den Eingang zur Unterwelt der Erde sah.

Wir umkreisen die Halbinsel weiter im Uhrzeigersinn um den fotogenen Kirkjufellfoss erneut zu besuchen. Die wenigen Minuten vor dem Eintreffen der Busreisegruppen vergehen zu schnell und wir fahren ein paar Kilometer weiter um den Tank und unsere Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Die Lebensmittelpreise sind hoch aber nicht unüberschaubar, auch wenn mir die Umrechnung von Isländischen Kronen in Euro noch schwerfällt. Wir greifen mittlerweile nach Produkten, die wir aus Deutschland kennen. Die einheimischen Fruchtsäfte sind derart süß, dass mir schon vom Gedanken daran die Zähne schmerzen. Die mit Lakritz gefüllte Schokolade ist allerdings eine echte Empfehlung.

Einen verschlafenen Nachmittag später machen wir uns auf den Weg zum Londrangar, zwei spektakulär aus der See ragenden Felsen in der Nähe eines Leuchtturms. Der Abstieg vom Aussichtspunkt ist für die anderen Besucher in ihren Sandalen nicht zu schaffen und nach ein paar hundert Meter aufregenden Balanceakt sind wir auf dem Wanderweg allein. Inmitten der wüsten Landschaft liegt gesplittertes weißes Holz - die Überreste von aufgegebenen Hütten, als hier noch aktiv gefischt wurde. Während Ramona mit dem Zeichenblock auf den von der Sonne geheizten Steinen zeichnet, suche ich mir einen Weg an die Landspitze, um die unwirkliche Landschaft aus der richtigen Perspektive zu erwischen.

Kurz vor dem Parkplatz entdecken wir in einer kleinen Felsspalte zwei Papageintaucher, die dicht gedrängt am Abgrund in die Abendsonne schauen. Die tollpatschige Art der inoffiziellen Wappentiere ist wunderbar zu beobachten und wir verweilen, bis einer losfliegt und der andere zurück ins Nest krabbelt.

Der letzte Tag der ersten Etappe endet wieder in strahlendem Sonnenschein während von draußen leise Plaudern und Lachen vom Zeltplatz und aus den Ferienhäusern der Isländer herüberschallt. Snæfellsnes war für uns ein perfekter Einstieg mit Abwechslungsreichtum und ohne Überforderung. Hätten wir weniger Zeit, wäre die Halbinsel der ideale Ort um eine Woche an einem Platz zu verbringen und dennoch eine große Vielfalt zu erleben.

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