Island 2015
Ein Bericht von Andreas Levers

Anreise

Während eine Hitzewelle auf Berlin zurollt, stehen wir mit unseren gepackten Koffern und Rucksäcken in der bunt gemischten Schlange für den Flug nach Island. Nach dem Check-In und mit dem etwas Verzögerung rollt der Airbus A321 eine gefühlte Viertelstunde zur Startbahn des neuen BER, während die alte Bahn saniert wird. Der Pilot sinkt nach etwas mehr als drei Stunden durch eine dicke Wolkendecke und setzt mit Perfektion auf. Im Vergleich zu anderen internationalen Flughäfen, scheint Kevlavik wie ein außerplanmäßiger Halt. Unser Nachbar Frank verglich das mit einer Landung an einer größeren Tankstelle. Der Eindruck wird durch die Umbauten vor Ort noch verstärkt.

Zwischen dem Trubel und den Pressholzplatten warten wir geduldig auf unser Gepäck und ich nutze die Zeit, um eine SIM-Karte zu kaufen. Die freundliche Verkäuferin im Duty Free Shop gibt mir das Starterpaket, das ungefähr so viel wie eine Tasse Kaffee kostet. Hätte ich eine Büroklammer für den SIM-Einschub an meinem Telefon dabei, könnten wir das sofort nutzen, aber jetzt geht es erst mal um den Mietwagen.

Nach dem üblichen Formular-Ausfüllen und Führerschein-Abgleichen stehen wir auf dem Parkplatz neben einem praktisch fabrikneuen Suzuki Grand Vitara in Silbergrau. Mit Neuwagengeruch im Innenraum und 400km auf dem Tacho machen wir uns auf den Weg zu unserer ersten Ferienwohnung. Abgehärtet durch jahrelangen Berufsverkehr in Berlin ist das Fahren in der Stadt (oder was dem hier am nächsten kommt) ein Kinderspiel. Da hupt man sich als Einwohner schon mal freundlichen winkend einen Platz in der Spur daneben frei und nimmt es mit dem Tempolimit auch nicht so genau. Kurzum: Sehr sympathisch.

Anklicken vergrößert die Fotos

Weil es schon spät ist und wir noch einkaufen müssen, wählen wir den Tunnel, der den Weg um 40km abkürzt. Auf der anderen Seite fahre ich prompt durch die falsche Spur der einzigen Mautstrecke in Island. Wir halten an, ich sprinte über die mehrspurige Straße zu dem Büdchen und zahle den Betrag mit der Kreditkarte nach, um mir späteren Ärger zu ersparen. Der nächste Halt ist ein Supermarkt in Borganges, in dem wir uns mit einfachen Lebensmitteln eindecken. Während das Außenthermometer 13° Celsius zeigt und das Navigationssystem weniger Probleme mit der Aussprache isländischer Ortsnamen hat als wir, werden die Zeichen von Zivilisation seltener.

In den zwei Stunden bis zum Zielort leert sich die Straße mit jedem Kilometer. Alle paar Minuten kommt uns wahlweise ein Kleinstwagen oder ein monströser Superjeep entgegen, während im Rückspiegel schon lange keine Lichter mehr zu sehen sind. In der Ferne verschwinden die Gipfel im Hochnebel und immer wieder gehen kräftige Schauer auf uns und die Schafe am Wegesrand nieder. Das Blau der aus Alaska eingeschleppten Lupinen säumt das felsige Geröll und trotz der dichten Wolken kann man hin und wieder die Farbigkeit der Berge erahnen. Die Kamera muss heute trotzdem im Rucksack bleiben. Kurz bevor das sonore Brummen des Motors zu einschläfernd ist, erreichen wir unser erstes Ferienhaus. Noch während der Schotter unter den Reifen knirscht kommt eine freundlich lächelnde Frau aus dem Nebengebäude und begrüßt uns in perfektem Englisch in Ihrem Gasthaus und in Island.

Edda führt uns durch unser Basislager für die kommenden Tage. Im Hot Pot blubbert das 40° warme Wasser, der Gasgrill steht direkt daneben und drinnen wartet eine voll ausgestattet Küche in einem holzvertäfelten Raum. Die beiden gut gefüllten Gästebücher bestätigen unseren ersten Eindruck mit fast 8 Jahren dankbarer Berichte. Während das Würstchen-Gulasch kulinarisch mit diesen Eindrücken nicht mithalten kann, packen wir aus, legen uns hin und versinken bei permanentem Tageslicht in einen festen und zufriedenen Schlaf.

Arnarstapi

Unsere innere Uhr weckt uns zuverlässig ohne Anpassung der Zeitzone morgens um fünf. Nach einem kleinen Frühstück brechen wir eine Stunde später bei 12° in die wolkenverhangenen Landschaft zu unserer ersten Wanderung auf. Dabei bemerken wir schnell, dass Vögel, anders als an der Ostsee, kein Futter wollen, sondern Brutplätze im Sturzflug verteidigen. Der Attacke entkommen wandern wir einen abwechslungsreichen Weg an der Küste entlang in das 2,5km entfernte Dorf Hellnar und sind bis zu unserer Ankunft dort die einzigen Wanderer weit und breit. Auf dem Rückweg füllt es sich langsam und kurz vor unserer Ferienwohnung wird aus vereinzelten Pärchen ein steter Strom deutscher Touristen, die ihren Ruhestand auf einer Busreise genießen und in Scharen hier auftauchen.

Gestärkt mit Kaffee machen wir uns auf den Weg um die Halbinsel. Die Straße durch den Nationalpark ist rechts und links von einer unwirklichen Ebene aus Lava gesäumt, die zum schneebedeckten Vulkan hin ansteigt. Der Vierzylinder-Benziner in unserem Wagen brummt protestierend vor sich hin während wir Steigungen und Kurven mitnehmen. Auf der nördlichen Seite angekommen stoppen wir kurz an einem der fotogenen Wasserfälle Islands, dem Kirkjufellfoss. Das schlechte Wetter und die anderen Reisenden im Bild lassen mir aber kaum Gelegenheit, selbst ein gutes Foto davon zu machen. Da wir erneut hierher kommen werden, fahren wir los bevor der nächste Bus ankommt.

Einen Kilometer und eine Gruppe Schafe auf der Straße weiter liegt der Ort Grundafjördur, in dem wir ein paar Lebensmittel kaufen und den Tank auffüllen. Ich weiß mangels Quittung zwar bis jetzt nicht, ob der Automat korrekt von meiner Karte abbuchen konnte, aber da mich die Polizei nicht verfolgt, gehe ich davon aus. Als nächste Premiere testen wir den 40° warmen Hot Pot im Garten unseres Ferienhauses aus. Zehn Minuten und 20mm/hg Blutdruck weniger gibt es ein tiefenentspanntes Abendessen aus gegrilltem Lamm und einem improvisierten Nudelsalat. Kulinarisch ist noch deutlich Luft nach oben.

Zum Abschluss des Tages fahren wir bei tiefstehender Sonne an schwarzen Strand von Djúpalónssandur. Zwischen den rund geschliffenen Kieseln verrosten die Überreste eines englischen Fischerbootes, das vor fast 70 Jahren hier zerschellte. Die Isländer lassen es bewusst als historisches Zeugnis hier zurück.

Früher haben junge Männer hier Findlinge gestemmt, um zu beweisen, dass sie stark genug für die Fahrten auf den Fischerbooten sind. Drei amerikanische Touristen versuchen auch ihr Glück, aber mit hohlem Kreuz, rotem Kopf und stoßweisem Atem wartet da eher eine Behandlung beim Orthopäden als ein Platz an Bord. Wenige Minuten später haben wir den kilometerlangen Strand für uns allein. Die von Jahrtausenden rundgeschliffenen und von der Sonne gewärmten schwarze Steine knirschen unter den Wanderschuhen. Zwei mal Abbiegen reicht hier scheinbar aus, um jedes Zeichen von Zivilisation zu tilgen. Keine Straße, keine Oberleitungen, kein Lärm. Müssten wir jetzt schon zurück, wäre ich nach diesem Abend trotzdem zufrieden.

Snæfellsnes

Der zweite Tag begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und einer frischen Brise von der Seeseite. Nach einem kleinen Frühstück machen wir uns erneut auf den Weg, um die Halbinsel weiter zu erkunden. Ohne die Umstellung auf die lokale Zeit sind wir morgens meist vor allen anderen unterwegs und können so den steilen aber kurzen Aufstieg auf den Krater Saxholl in Angriff nehmen. Die Asche und die Steine rutschen unter den Wanderschuhen während wir uns den Kegel hinaufarbeiten. Vom Rand aus genießen wir den sensationellen Fernblick und das erste Mal ist der Snæfellsjökull zu sehen, in dem Jules Verne den Eingang zur Unterwelt der Erde sah.

Wir umkreisen die Halbinsel weiter im Uhrzeigersinn um den fotogenen Kirkjufellfoss erneut zu besuchen. Die wenigen Minuten vor dem Eintreffen der Busreisegruppen vergehen zu schnell und wir fahren ein paar Kilometer weiter um den Tank und unsere Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Die Lebensmittelpreise sind hoch aber nicht unüberschaubar, auch wenn mir die Umrechnung von Isländischen Kronen in Euro noch schwerfällt. Wir greifen mittlerweile nach Produkten, die wir aus Deutschland kennen. Die einheimischen Fruchtsäfte sind derart süß, dass mir schon vom Gedanken daran die Zähne schmerzen. Die mit Lakritz gefüllte Schokolade ist allerdings eine echte Empfehlung.

Einen verschlafenen Nachmittag später machen wir uns auf den Weg zum Londrangar, zwei spektakulär aus der See ragenden Felsen in der Nähe eines Leuchtturms. Der Abstieg vom Aussichtspunkt ist für die anderen Besucher in ihren Sandalen nicht zu schaffen und nach ein paar hundert Meter aufregenden Balanceakt sind wir auf dem Wanderweg allein. Inmitten der wüsten Landschaft liegt gesplittertes weißes Holz - die Überreste von aufgegebenen Hütten, als hier noch aktiv gefischt wurde. Während Ramona mit dem Zeichenblock auf den von der Sonne geheizten Steinen zeichnet, suche ich mir einen Weg an die Landspitze, um die unwirkliche Landschaft aus der richtigen Perspektive zu erwischen.

Kurz vor dem Parkplatz entdecken wir in einer kleinen Felsspalte zwei Papageintaucher, die dicht gedrängt am Abgrund in die Abendsonne schauen. Die tollpatschige Art der inoffiziellen Wappentiere ist wunderbar zu beobachten und wir verweilen, bis einer losfliegt und der andere zurück ins Nest krabbelt.

Der letzte Tag der ersten Etappe endet wieder in strahlendem Sonnenschein während von draußen leise Plaudern und Lachen vom Zeltplatz und aus den Ferienhäusern der Isländer herüberschallt. Snæfellsnes war für uns ein perfekter Einstieg mit Abwechslungsreichtum und ohne Überforderung. Hätten wir weniger Zeit, wäre die Halbinsel der ideale Ort um eine Woche an einem Platz zu verbringen und dennoch eine große Vielfalt zu erleben.

Fahrt in den Norden

Heute steht die Überfahrt zum zweiten Ferienhaus auf dem Plan. Nach dem Packen machen wir uns bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg und verbringen die nächsten Stunden auf der Ringstraße. Beim Tempo liegen wir dabei genau zwischen übervorsichtigen Touristen und waghalsigen Einheimischen. Irgendwann gebe ich den Versuch mich anzupassen auf und überlasse dem Tempomat das Gaspedal und den anderen die Entscheidung mich zu überholen.

Etwa auf der Hälfte der Strecke auf einer höher gelegenen Passstraße werden wir von einem Augenblick auf den nächsten in eine dicke Wolkendecke eingehüllt. Die wenigen Autos im Gegenverkehr verschwinden genau so schnell wie sie auftauchen. Vor und hinter uns ist eine gefühlte Ewigkeit nichts mehr zu sehen. Rechts und links der gelben Fahrbahnmarkierungen ist ein nebliger Abgrund. Die Ringstraße ist insgesamt sehr gut ausgebaut, aber das Parken am Rand ist fast nirgendwo einfach. Neben der Fahrbahn fällt die Straße in steilem Winkel nach unten ab. Damit bleibt nur die Wahl auf der Straße selbst zu halten oder die vereinzelt auftauchenden Parkbuchten zu nutzen. Die meisten entscheiden sich für Variante 1. Bei der geringen Verkehrsdichte ist das kein großes Hindernis, aber bei der verwegenen Fahrweise der Einheimischen auch nicht ungefährlich. Meistens genießen wir die vorbeiziehende Landschaft ohne Halt und mit offenen Augen. Würden wir jedes Mal halten, wenn es eine fotografierenswerte Aussicht gibt, wären wir immer noch kurz vor Rejkjavik.

Stunden später taucht Akureyri vor uns auf. Die Stadt ist nach den Maßstäben hier eine Metropole, aber das Kreuzfahrtschiff im Fjord überragt alle Gebäude um ein Vielfaches. Immerhin sehen wir nach 1000km die erste Ampel auf Island. Eine halbe Stunde später biegen wir auf den Hof unserer zweiten Unterkunft ein, wo uns ein modern eingerichtetes Ferienhaus erwartet, dass noch den Geruch von Neubau verströmt. Kilometer von allem was man Siedlung nennen könnte entfernt haben wir hier zwar keinen Handyempfang aber schnelleres Internet als in der Metropole Berlin. Der Blick aus der Wohnküche geht über die blau gefärbten Lupinen auf das Wasser des Fjords und der skandinavisch kühle Charme der Einrichtung ist schöner Kontrast zum ersten Ferienhaus. Eine kurze Pause und kleine Mahlzeit später nutzen wir den strahlenden Sonnenschein für einen Abstecher zum Godafoss, dem Wasserfall der Götter. Dank der späten Stunde sind die meisten Touristen schon wieder weg oder gerade im Begriff zu fahren. Über dem Horizont ziehen dramatisch dunkle Wolkenberge auf und bieten so den angemessenen Hintergrund für das rauschende Wasser.

Auf der Rückfahrt scheint die tief stehende Sonnen über den Fjord während Wolken die verschneiten Gipfel umströmen. Das Glitzern auf dem Wasser vor grünen Hängen ist ein Postkartenpanorama durch die Windschutzscheibe betrachtet. Dieser Moment ist stellvertretend für die vielen Male, wo wir eigentlich halten müssten, um ein weiteres Foto zu machen dann aber einfach weiterfahren, der ununterbrochenen Fahrt wegen.

Östlicher Mývatn

Dicke Wolken verhüllen die Berge am Fjord als wir zu unserem Ausflug an den Mývatn aufbrechen. Am Godafoss fahren wir heute vorbei und umrunden den See bis wir das Besucherzentrum in Reykjahlíð erreichen. Von dort brechen wir mit einer Wanderkarte zum Krater Hverfjall auf. Auf dem verschlungenen Weg durch die anfangs dicht bewachsene Lavaebene vergeht ein schöner und einsamer Vormittag, der in einem anstrengenden Aufstieg auf den Rand des Kraters seinen Abschluss findet.

Der über einen Kilometer durchmessende und mehr als 400 Meter hohe Krater entstand, als Magma auf Grundwasser traf und es zu einer gewaltigen Explosion kam. Zum Schutz der empfindlichen geologischen Formationen dürfen die Wanderwege nicht verlassen werden, was angesichts der rohen und felsigen Umgebung überraschend wirkt, aber von allen beachtet wird. Dieser Ort ist ein gutes Beispiel dafür, wie sorgsam die Besucher mit dem Land umgehen. Unseren Plan bis Dimmuburgir zu gehen, geben wir angesichts des schneidenden Winds und großen Hungers auf. Am Ende zeigt der Schrittzähler trotzdem über 20.000.

Mit ein paar Einkäufen im Kofferraum machen wir uns auf den Heimweg und halten am Restaurant Vogafjós. Das zunächst unscheinbare Gebäude ist dreigeteilt. Ganz rechts stehen die Kühe, in der Mitte ist die Küche und links ist das Restaurant, in dem fast alle Zutaten aus der eigenen Landwirtschaft verarbeitet werden. Burger und Lamm sind nicht nur wegen unserem großen Appetit einfach sensationell. Da sich die freundliche Bedienung nicht dazu durchringen kann den Rest des Schokoladenkuchens noch mal zu teilen, kämpfe ich mich durch das größte zusammenhängende Stück Backwerk meiner Lebensgeschichte, während Ramona das selbstgemachte Eis schon längst aufgegessen hat. Satt und müde fahren wir zurück in unser Ferienhaus, wo wir den Rest des Tages verbummeln und Pläne für den zweiten Ausflug zum Mývatn schmieden.

Krafla

Erneut brechen wir zum Mývatn auf. Das Navigationssystem brauchen wir schon länger nicht mehr. Wenn man die Himmelsrichtungen grob im Blick behält, ist es bei den wenigen Straßen fast unmöglich sich ernsthaft zu verfahren. Trotzdem nutzen wir jede Tankstelle, sobald der Zeiger sich in die Nähe der 1/2 Markierung bewegt. Die Automaten-Tankstellen wünsche ich mir auch für Deutschland. Einfach den Maximalbetrag eingeben, tanken, weiterfahren - sehr praktisch. Die Ringstraße ist so abwechslungsreich, dass ich mich sehr bewusst auf das Fahren konzentrieren muss, um nicht ständig verträumt in die Landschaft zu schauen und darüber die überraschend auftauchenden Schafe zu übersehen.

Die Isländer interpretieren Geschwindigkeitsbegrenzungen in etwa so wie der durchschnittliche deutsche Autofahrer das zuhause auch macht. Am anderen Ende des Spektrums fahren die Touristen mit Kleinstwagen, die beim geringsten Zeichen von Unebenheiten beinahe zum Stillstand bremsen oder mitten auf der Straße anhalten, um in Ruhe Fotos zu machen. Die allgegenwärtigen Superjeeps mit dem charakteristischen V8-Big-Block-Bollern hört man schon von weitem. Mit Reifen, die man bei uns nur auf Traktoren sieht, genug Beleuchtung für ein Fußballstadion und Stauraum für einen kompletten Haushalt wären das die idealen Gefährte für die Zeit nach dem Zusammenbruch der Zivilisation. Ich vermute, dass der Winter sich hier so ähnlich anfühlt.

Nicht asphaltierte Straßen sind selten und fast alle Orte, die wir besuchten, sind auch mit normalen PKW erreichbar. Allerdings konnten wir schon auf einigen Parkplätzen, Baustellen und Straßen weiterfahren, die für eine Kleinwagen ein Risiko sind. Trotzdem bin ich mir unschlüssig, ob ich die Fahrt ins Hochland wagen soll. Die meisten F-Straßen in der Umgebung sind wegen der späten Schneeschmelze für alle gesperrt und der Sticker auf dem Armaturenbrett weist deutlich darauf hin, dass das Queren von Flüssen NIE und AUF GAR KEINEN FALL versichert ist. Zusammen mit meiner Hasenfüßigkeit und der SMS unseres Reisebüros, dass die Hochlandstrecken noch sehr gefährlich sind, belassen wir es erst mal bei den sicheren Wegen.

Bevor ich den Mývatn vergesse: Heute fahren wir ein Stück weiter in die vulkanisch aktive Region Krafla. Dort erzeugt ein geothermales Kraftwerk aus den Bohrlöchern der vulkanisch aktiven Region Strom für die nähere Umgebung. Die Dampfwolken sind inmitten der kargen Landschaft trotz Hochnebel von weitem gut zu sehen. In der Nähe des Kraftwerks ist der Krater Víti, den wir umrunden. Der Regen sprüht seitlich bei scharfem Wind und die Temperaturen sind gefühlt unter 0° Celsius. Das feindliche Wetter passt damit perfekt zu der trockenen orange-gelben Felswüste. Dabei verstecken Niederschlag und Wind aber den intensiven Schwefelgeruch, so dass wir uns bei der Umrundung des türkisfarbenen Sees Zeit lassen.

Im Anschluss machen wir einen kurzen Abstecher in das Besucherzentrum des Kraftwerks bevor wir zu dem Schwefelfeld Námaskarð weiterfahren. Die Ströme der Touristen werden durch die rauchenden Schlote verborgen während der mineralischer Schlamm vor sich hin blubbert. Das Wetter ist jetzt etwas besser und der Wind überlässt dem Schwefelgeruch das Feld. Das intensive Aroma verfaulter Eier in einer neon-gelb-grünen Landschaft ist nicht direkt ein Platz zum Leben, aber den Besuch hier möchten wir nicht missen. Die graue Schlacke wirft Blasen, aus den verkrusteten Schloten tost der Dampf und ringsherum erstreckt sich eine orange Ödnis aus Steinen. Die Vorstellung, dass die Welt wie wir sie kennen einst überall so aussah ist faszinierend und gut für die Einschätzung der eigenen Wichtigkeit.

Viele Kilometer in Richtung des Ferienhauses sind die letzten Spuren des Geruchs verschwunden oder unsere Nasen abgestumpft. Später am Abend strahlt die Sonne über dem Eyjafjörður. Um 22:30 fahren wir im tiefstehenden Sonnenschein in den Fischerort Grenivik, der in seiner Niedlichkeit auch eine Filmkulisse sein könnte. Mit dem versöhnlichen Wetter und dem Postkartenpanorama endet der Tag.

Akureyri

Die vielen Kilometer in wenigen Tagen zusammen mit den unzähligen Erlebnissen fordern ihren Tribut und so macht sich eine tief sitzende Müdigkeit in uns breit. Das nieselig-kalte Wetter passt perfekt dazu. Mit diesem Minimum an Motivation verbummeln wir den Vormittag im Internet und in Büchern. Am frühen Nachmittag fahren wir in die Metropole des Nordens, Akureyri. Außerhalb des Großraums Reykjavík ist die Stadt mit etwa 18.000 Einwohnern die bevölkerungsreichste in Island. Bei der Größe ist der Stadtbummel schnell erledigt. Das Restaurant Strikid bietet im 5 Geschoss einen guten Blick über den Fjord und - noch wichtiger - sehr gutes Essen. Einen Seewolf und einen Teller mit Pasta später füllen wir unsere Vorräte im lokalen Supermarkt auf, bevor der Tag so faul endet wie er begann. Wir versuchen Energie für die lange morgige Etappe zum nächsten Haus und einen Umweg für den Dettifoss zu sammeln.

Der Tag endet mit dem gelungenen Film „The Imitation Game“ und dem Packen unserer Koffer. Die bunte Funktionsbekleidung der Touristen mag wie ein abgedroschenes Klischee wirken, aber bei der schnell umschlagenden Witterung und den teils winterlichen Temperaturen sind wir über jede wärmende Schicht glücklich, die wir mitgenommen haben.

Ostwärts & Dettifoss

Tag sieben, Kilometertag. Heute fahren wir zu unserem dritten Ferienhaus in den östlichen Fjorden Islands und nutzen den Weg für einen Abstecher zum Dettifoss. Auf dem Weg dahin passieren wir das letzte Mal den Mývatn (wir haben keine Mücken gesehen) und die Schwefelfelder am Krafla. Kurz danach führt direkt von der Ringstraße eine neu angelegte Straße zum leistungsstärksten Wasserfall Islands. An dessen Ende angekommen stehen wir auf einem für isländische Verhältnisse riesigen Parkplatz mit 20 anderen Fahrzeugen. Hinter den natürlichen Wällen aus Gestein leuchtet die Gischt im fahlen Licht des bewölkten Tages, während der schneidende Wind die gefühlte Temperatur unter die 5° Grenze weht.

Wir machen uns auf den glitschigen und umfangreich ausgeschilderten Weg zum Wasserfall wo wir inmitten einer Menschenmenge das rauschende Getöse betrachten bevor wir komplett durchnässt sind. Wir stehen genau in Richtung des Sprühregens, was mein Fotografieren fast unmöglich macht. Etwas frustriert und sehr frierend gehen wir einen Kilometer flussaufwärts. Dort erwartet uns der sehr fotogene und viel friedlichere Selfoss. Wo der Wind unsere Kleidung schnell trocknet. Ich empfinde Mitleid mit den Touristen, die sich der Natur Islands in Chucks und Jeans stellen. Schon bei dem Gedanken daran kratzt mein Hals und schmerzt die Lunge.

Die Weiterfahrt in den Osten ist geprägt von der unwirtlichsten und einsamsten Landschaft bis jetzt. Über lange Strecken ist vor und hinter uns kein anderer Reisender auf den Straßen in Sicht während sich rechts und links eine felsige Ebene im fahlen Licht bis zum Horizont erstreckt. Der Rest Zivilisation endet hier an den gelben Markierungen der Fahrbahn. Rechts und Links davon fällt die Straße im steilen Winkel in die Unendlichkeit ab. Ich scheitere daran, den Eindruck von Leere und Einsamkeit in Fotos zu fassen. Als passender Soundtrack brummt Auto Rock von Mogwai aus den Lautsprechern und die Kilometerzahl zum Ziel reduziert sich viel zu schnell.

Eine Stunde und viele Kurven später ändert sich die Landschaft zunächst langsam und dann immer zügiger. Das Grün kehrt zurück, wir sehen mehr Menschen und hinter einer weiteren Biegung fahren wir in einen riesigen Fjord hinunter. Die Weite wird durch die Höhe der umliegenden Felsen ersetzt. Einen Tankstopp und eine Stunde später fahren wir auf den Hof unserer vorletzten Ferienhauses. Zwei sehr aufdringliche Lämmer begrüßen uns, während die Gastgeberin nach einem Anruf auf dem Weg zu uns ist. Als sie uns das Gelände zeigt gesellt sich ein kleines pelziges, schwarzes Tier dazu. Erst als ich genauer hinsehe erkenne ich in dem merkwürdigen Hund einen Polarfuchs, der offenbar nur wenig Scheu vor Menschen hat. Als wir unsere Koffer in dem winzigen aber urgemütlichen Haus auspacken, spielt er mit draußen mit dem Hofhund.

Im nahen Restaurant gibt es fangfrischen Catfish für mich und Rentier für Ramona. Das Lokal ist in dem historischen und kaum veränderten Haus eines norwegischen Heringsfischers. Das Obergeschoss wurde seit einem Jahrhundert nicht mehr benutzt. Es ist ein in der Zeit steckengebliebenes Museum ohne Hinweistafeln. Die junge Kellnerin schildert uns die Geschichte des Ortes auf Englisch und aus der Musicbox im Hintergrund klingen isländische Interpretationen bekannter Melodien, darunter auch „Wann wird es endlich wieder Sommer?“ Pointierter kann der Tag unter dicken Wolken nicht enden.

Hengifoss

Unser kleines Ferienhaus liegt an einer Landspitze im Fjord und egal zu welcher Seite wir aus dem winzigen Obergeschoss hinausschauen: Tiefes Wasser und dicke Wolken. Vor unserer Tür spielt der Polarfuchs im nassen Gras während wir die günstige Gelegenheit nutzen und unsere Wäsche im nur einen Steinwurf entfernten Badehaus waschen. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zum Hengifoss und dem direkt daran angrenzenden Letlanifoss. Beide lagen schon gestern auf unserem Weg der Anreise, aber den steilen Anstieg heben wir uns für heute auf. Auf dem Weg durchqueren wir Islands größten zusammenhängenden Wald, der für Kontinentaleuropäer eher wie eine etwas außer Kontrolle geratene Hecke aussieht.

„Was tut man, wenn man sich in Island im Wald verlaufen hat?“ „Aufstehen!“ Zugegeben, ein wenig dichter ist er schon aber wer schon mal im Hainich oder Schwarzwald stand, kann die hiesige Faszination vermutlich nicht ganz nachvollziehen.

Eine Weile später biegen wir auf den überfüllten Parkplatz am Anfang des Wanderwegs ein. In der Ferne tost der obere der beiden Fälle, der Hengifoss, mit einer Höhe von 118 Metern und wirkt dabei greifbar nah. Zwischen dem Erlebnis und uns liegt aber ein steiler Anstieg über teils rutschiges Gelände, für den wir uns ausreichend Zeit lassen. An einer spitzen Kurve am Hang kehren die meisten anderen Wanderer um während wir uns vergewissern, dass uns dort kein Gegenverkehr erwartet und den Weg fortsetzen. So erreichen wir mit etwas Balance und trockenen Fußes den Ausläufer des Wasserfalls, der zwischen den sechseckigen Basaltsäulen in die Tiefe stürzt. Zwischen dem vulkanischen Gestein zeichnen sich deutlich rote Adern eisenhaltigen Minerals ab. Wir verweilen bis die feuchte Kälte durch die vielen Lagen Merinowolle, Softshell-Synthetik und Regenjacke gedrungen ist.

Unsere Knie protestieren gegen den Abstieg, aber mir fällt auch hier auf, dass unser Lauftraining eine gute Vorbereitung war. Nicht, dass die Belastung spurlos bliebe, aber wir erholen uns schnell und vollständig davon. Auf dem Rückweg füllen wir unsere Lebensmittelvorräte und kochen das erste Mal seit unserer Ankunft etwas aufwendiger. Die danach einsetzende Fressnarkose beendet dann den Tatendrang und wir planen die Ziele für morgen.

Abenteuer Allrad

Island zeigt sich von seiner statistisch wahrscheinlichsten Seite: Mit Regen. Wir fahren mit unserem Wagen die Straße um den Fjord entlang. Kurz vor deren Ende biegen wir das erste mal auf eine der F-Straßen ein. F steht für Fjall, also Bergstraßen, die nur mit Allradantrieb befahren werden dürfen. Schon nach wenigen Metern wird aus dem Rumpeln auf einer festen Schotterstrecke das Schaukeln und Wippen in tiefen Furchen. Ich spüre im Lenkrad, das immer wieder Räder die Traktion im losen Gestein verlieren. Tempolimits sind hier überflüssig - die Physik setzt dem Vorwärtsdrang eine Grenze nah am Selbsterhaltungstrieb. Etwa auf halber Strecke an das verlassene Kap zu dem wir möchten hat das Schmelz- und Regenwasser die „Straße“ auf einer Breite von 10 Metern weggespült. Von links kommt eine reißender Strom, rechts fällt dieser 20 Meter in die Tiefe. Die Versicherung des Mietwagens deckt Furten nicht ab. Das ist für mich der ideale Vorwand, die Weiterfahrt abzubrechen. 300 Meter rückwärts den Berg hinauf finden wir eine Stelle, die breit genug zum Wenden ist. Ramona weist mich ein und in sieben oder acht Zügen beenden wir das aufregende aber wenig zielführende Experiment.

Nach einer Pause im Ferienhaus brechen wir zur Fahrt in einen der nördlich abgelegeneren Fjorde auf. Der fast verlassen Ort wird im Winter mit Schiffen versorgt, weil die einzige Passstraße dorthin unpassierbar wird. Lange ist sie auch in diesem Jahr noch nicht offen. Wir fahren an einem geparkten Auto vorbei, dessen Fahrer vermutlich in einem Konflikt zwischen Neugier und Überlebenswillen steckt. Der Untergrund wird grob und an den Scheiben fühlen wir, wie die Gletscherkälte in den Wagen kriecht. Die Wolke am Gipfel mindert die Sicht auf wenige Meter und der schwarze Fels wird immer mehr durch dichtes Eis ersetzt. An der Höhe der Randmarken kann man erahnen, welche Schneehöhen hier im Herbst den Weg verschwinden lassen. Nach der Querung des Gipfels schraubt sich eine schwindelerregende Serpentine den Hang in den Fjord hinab. Für Großstadtbewohner wie uns ist die Abwärtsspirale ohne Leitplanke im Regen knapp über dem Gefrierpunkt ein Pulsbeschleuniger, an deren Ende eine verschlafener Fjord mit einem verrosteten Heringsfischerboot steht.

Auf dem Rückweg befreien wir den Wagen von dem dichten Schlammpanzer an einer der vielen kostenlosen Waschplätze, die hier nicht für das Ego sondern für die Sicherheit dringend nötig sind. Die Koffer sind für die Weiterfahrt morgen gepackt, als wir ein zweites Mal in dem ausgezeichneten Restaurant essen. Um meiner Rolle als Tourist gerecht zu werden, probiere ich den fermentierten Hai (Hákarl) zusammen mit anderen Fischspezialitäten aus. Das er nur in Island und dort auch nur mit einem sehr starken Schnaps serviert wird, sagt eigentlich schon alles über das kulinarische Potenzial. Nach einem netten Plausch mit der Eigentümerin, die auch das Ferienhaus bewirtet, endet der letzte Abend im Osten mit seinen beeindruckenden Fjorden.

In den Süden

Es liegen 540km vor uns. Während der Polarfuchs verspielt um uns wuselt, packen wir unsere Koffer für die letzte lange Fahrt. Das Panorama der bis zu 30km langen Fjorde würde sich vor uns entfalten, wäre da nicht der allgegenwärtige Regen und Hochnebel. Wir überholen immer wieder Teilnehmer einer Fahrradrundreise, während wir selbst von überambitionierten Touristen und routinierten Einheimischen überholt werden. Die Touristen kassieren wir allesamt, als der nicht asphaltierte Teil der Ringstraße die normalen PKW heftig abbremst. Ein Zwischenhalt in Hvalnes lässt uns kurz verschnaufen. Am Vestrahorn führt uns ein weiterer Abstecher nach Stokksnes. Ein Baufahrzeug befestigt die Schotterpiste neu, was uns zu temporärem Linksverkehr zwingt. Einige Kilometer später halten wir am Vikingcafé Horn. Die Baracke wirkt wie eine Kulisse aus dem Film Fargo - ein windschiefer Flachbau mit elektrischer Heizung, einem Sammelsurium ausgedienter Büromöbel und der besten Kaffeemaschine, die wir in den letzten 2.800km zu Gesicht bekommen haben. So gestärkt und aufgewärmt besuchen wir die Halbinsel mit der alten militärischen Radarstation. Das Postkartenpanorama der Berge im Hintergrund bleibt mangels Sichtweite heute verborgen, aber der Besuch wird uns lange in Erinnerung bleiben. Er bringt die merkwürdige Mischung aus skandinavischer und US-Amerikansischer Kultur an einem skurrilen Ort vor spektakulärer Landschaft perfekt auf den Punkt.

Die Unmenge Touristen an der Gletscherlagune Jökulsárlón überlassen wir unterwältigt den lauten Busreisegruppen, Motorbooten und dem Geruch von Benzin. Stattdessen finden wir entlang eines kilometerlangen geraden Abschnitts der Straße einen Parkplatz im Nirgendwo, dessen endloser Weitblick unter dramatischem Wolkenhimmel uns wieder mit der Insel versöhnt. Die kargen Sanderfelder erstrecken sich links zum Meer und rechts zu den Ausläufern des Hochlands. Die Idylle dieser verlassenen Gegend erschließt sich nur mit der Ruhe eines vollen Tanks und eines funktionierenden Autos. Wir kündigen unsere Ankunft im Ferienhaus an, passieren 45 Minuten später Vík, ein verschlafenes Nest mit 300 Einwohnern, dass ein wichtiges Versorgungszentrum für die weitere Umgebung ist. Unablässiger Regen und die lange Fahrt in den Knochen halten uns davon ab den berühmten schwarzen Strand zu besuchen.

Stattdessen fahren wir zu dem Wrack einer im November 1973 notgelandeten Douglas DC3, die in der Einöde ein Foto-Klischee wurde. Das zornige Summen einer Fotodrohne der anderen Besucher lassen wir nach einigen Schnappschüssen zurück. Auf dem Weg zur Ringstraße nehmen wir ein Paar aus Miami mit. Die beiden haben ihren kleinen Ford aus Angst vor dem scharfkantigen Geröll einige Kilometer vorher stehen lassen. Wo hier Geländewagen dran steht, kommt auch nur Geländewagen weiter. Auch wenn der Weg ins Hochland versperrt bleibt, freue ich mich immer wieder über unseren robusten fahrbaren Untersatz.

Regenland

Aus dem zweiseitig verglasten Wohnzimmer sehen wir die über den Ozean an die Küste ziehenden Regenwolken. Trotz der Aussichten fahren wir los, da sich unsere Vorräte dem Ende zuneigen. Vorher machen wir einen Abstecher zum fotogenen Skógafoss, der einige Kilometer westwärts direkt an der Ringstraße liegt. Der Campingplatz wimmelt vor bunten Zelten. Bei unserer Ankunft ist kaum jemand wach, geschweige denn auf den Beinen. Ich nutze die Leere für ein paar Aufnahmen und stelle mir vor, wie idyllisch der Wasserfall aussieht, wenn die Sonne scheint. Als sich der Platz langsam füllt steigen wir eine etwa 200-stufige Treppen hinauf und verschnaufen auf der Aussichtsplattform. Bevor wir den Niederschlag im Ferienhaus aussitzen, füllen wir unsere Vorräte in Vík auf.

Ein durchgelesenes Buch und einen langsam vorübergezogenen Tag später geht es zu dem schwarzen Strand mit den imposant aufragenden Felsnadeln. Der Legende nach sind die versteinerten Trolle von der Sonne überrascht worden, als sie ihr Boot an Land ziehen wollte. Bei den dicken Wolken wäre ihnen das heute jedenfalls nicht passiert. Der Strand ist voll und in dem lauten Stimmgewirr aus Chinesisch, Englisch und Deutsch kommt keine richtige Stimmung auf. Wie schon an der Gletscherlagune und dem Skógafoss hat der Massentourismus Island auch hier erreicht.

Während die Wellen des Atlantiks unablässig gegen die Kiesel rollen, versuche ich mich an einige Fotos und bekomme zum Dank für meine Konzentration auf das Bild nasse Füße. Wir kehren dem Ozean den Rücken und lassen den Tag ausklingen, um morgen einen neuen Anlauf zu unternehmen.

Wetterwechsel

An unserem vorletzten Tag hat Island ein Erbarmen und am frühen Abend lichtet sich die Decke über uns. Zuerst besuchen wir den Felsen Dyrhólaey, der zum Schutz der brütenden Vögel nur zu bestimmten Uhrzeiten besucht werden soll. Vom Parkplatz blicken wir über den tiefschwarzen Strand in Richtung Vík, bevor wir einen glitschigen Wanderweg zum höher gelegenen Leuchtturm nehmen. Eine Rutschpartie später können wir von dort den sensationellen Ausblick über die Landschaft fast allein genießen. Mit der Erfahrung um die Besuchermengen vom gestrigen Ausflug verkochen wir unsere verbliebenen Lebensmittel zu einem improvisierten Abendessen, bevor wir deutlich später erneut den Strand bei Vík besuchen.

Die wenigen verbliebenen Besucher steigen größtenteils schon wieder in die Autos und die großen Reisebusse sind bereits weg. Aus dem Nordwesten scheint die Sonne über den Gletschern während die Wellen unablässig die schwarzen Kiesel schleifen. Kurz vor dem Ende unserer Reise zeigt sich Island von seiner besten Seiten. Eine endlos scheinende Weite und das beruhigende Geräusch des Ozeans in einer Landschaft, die es kein zweites Mal auf der Welt gibt. Die vielen Eindrücke, die Wanderungen und die ungezählte kilometerlange Ringstraße sind auf die beste denkbare Art erschöpfend.

Hellisheiði und Reykjavík

Vor unserer Abreise in Richtung Reykjavík treffen wir zum Glück noch unsere nette Gastgeberin in Begleitung ihres verspielten Hundes Loki und verabschieden uns mit einem freundlichen Gespräch. Auf dem Weg zu dem Motel in Flughafennähe passieren wir nach einigen kleineren Orten die Hochebene Hellisheiði, in der das größte geothermale Kraftwerk Islands in Sonnenschein und Schwefelgeruch seine Aufgabe erfüllt. Der Parkplatz des Besucherzentrums ist fast leer als wir ankommen. Der junge Isländer am Empfang hat große Freude daran, uns die Geschichte und Errungenschaften seines Arbeitgebers auf sympathische Art zu erläutern. Als Bonus werden gerade die wunderschönen abstrakten Gemälde einer isländischen Künstlerin ausgestellt, die mit Ölfarbe und Vulkanasche die Farben und Formen des Landes auf fesselnde Weise einfängt. Wir investieren noch ein paar Kronen in dem gut sortierten und angenehm unkitschigen Souvenirshop, bevor wir zur Hauptstadt weiterfahren. An den Berliner Stadtverkehr gewöhnt, ist Reykjavík wie ein Ausflug ins Umland an einem ruhigen Feiertag. Wir stellen den Wagen im Parkhaus des Konzerthauses Harpa ab und machen uns auf den Weg zur Hamborgarafabrikkan. Im Erdgeschoss des einzig nennenswerten Hochhauses im Land stärken wir uns mit sehr gut gemachten Burgern und sensationellem Nachtisch. Auf dem Rückweg am Wasser entlang schütteln wir die Spuren der Fressnarkose ab und schwimmen im Feierabendverkehr über die mehrspurigen Ausfallstraßen zu unserem Motel. Der Wecker ist auf 3:00 eingestellt, aber bei den hellhörigen Wänden ist an Schlaf kaum zu denken, geschweige denn an Frühstück, das erst deutlich später serviert wird. Übernächtigt und vor dem ersten Kaffee fahren wir allein auf der Straße zum Flughafen, wo wir unseren Grand Vitara nach 3.500km zurückgeben. Entgegen der Horrormärchen im Internet dauert das gefühlte 2 Minuten und wir schütteln den Rest Schlaf auf dem Weg zum Terminal zu Fuß ab.

Die späte Rache der Billigflieger folgt beim Check-In, als uns die Dame kurzerhand erklärt, das unser Gepäck nicht gebucht ist. Während hinter uns eine Pauschalreisegruppe über das Lunchpaket philosophiert investieren wir den Gegenwert eines mehrgängigen Abendessens in den Transport unserer Koffer, bringen den Sicherheitscheck hinter uns und sitzen kurze Zeit später trotzdem gut gelaunt im Airbus. Mit müden Beinen, einem Lächeln auf den Lippen und einer wunderschönen Zeit in der Erinnerung enden zwei schwer in Worte und Fotos zu fassende Wochen in einem der schönsten Länder der Welt. Takk fyrir, Ísland.

Unsere Reise buchten wir bei Island Reisen in Berlin und waren damit rundum zufrieden. An dieser Stelle ein großes Dankeschön!

Einen Augenblick...

Schließen