Andreas Levers

Neuer Älter

Langzeitbelichtungen

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Herbststurm

Die Wettervorhersage für das Wochenende war durchwachsen: Teilweise heftige Schauer und starke Windböen im Raum Berlin. Für einen Städteurlaub ist das nicht ideal, aber zum Fotografieren für mich perfekt. Mein Ziel war es, Langzeitbelichtungen mit dramatischem Himmel zu machen. Die zwei Grundvoraussetzungen, Wolken und Wind, waren also gegeben. In Berlin angekommen wartete ich eine Stunde bei dichter Wolkendecke und fadem Licht. Kurz bevor ich frustriert den Rückweg zum Wagen antrat, zeigten sich die ersten Löcher in der Wolkendecke, die schnell vorüberzogen.

Ausrüstung und Arbeitsweise

Als ND-Filter verwende ich einen Big Stopper von Lee, der die Belichtungszeit um den Faktor 1000, also 10 Blendenstufen, verlängert. Wenn eine Aufnahme ohne den Filter 1/50 Sekunde benötigt, sind mit dem Filter 20 Sekunden erforderlich. Auch wenn die Mathematik einfach ist, möchte ich hier die sehr praktische App NDCalc von Boris Nienke empfehlen.

In meiner Erfahrung erzeugen besonders die starken Filter einen Farbstich. Mit meinem B+W-Schraubfilter werden die Aufnahmen rötlich, der Lee-Filter hat einen Blaustich. Bei RAW-Aufnahmen ist eine Korrektur nachträglich leicht möglich, aber ich bevorzuge eine akkurate Vorschau auf dem Kameradisplay. Daher lohnt es sich, den Weißabgleich auch schon bei der Aufnahme entsprechend anzupassen.

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Für Langzeitaufnahmen bevorzuge ich die Live-View-Funktion oder nutze gleich spiegellose Kameras, zum Beispiel meine OM-D E-M1. Bei angestrebten Belichtungszeiten bis circa 60 Sekunden ist die Darstelung auf dem Display hell genug, um das Foto bei aufgesetztem Filter zu komponieren und manuell zu fokussieren. Beim Blick durch einen optischen Sucher sähe man dann nur noch Dunkelheit. Die OM-D bietet zusätzlich die Live-Time-Funktion. In einem vom Benutzer wählbaren Intervall, z.B. zwei Sekunden, wird der aktuelle Stand auf dem Kamera-Display aktualisiert. So kann man der Entstehung des Fotos zusehen und jederzeit mit einem zweiten Druck auf den Auslöser die Belichtung beenden. Diese Funktion wäre noch besser, wenn parallel auch das Histogram angezeigt würde. Ohne dieses Hilfsmittel ist es nicht einfach zu erkennen, ob die Belichtung ausgewogen ist.

Um das Rauschen zu vermindern nehmen praktisch alle digitalen Kameras im Anschluss in der gleichen Dauer ein Schwarzbild bei geschlossenem Vorhang auf. Das wird dann von dem eigentlichen Foto subtrahiert, um das Rauschen des Sensors zu minimieren. Diese Zwangspause nutze ich oft, um mir eine neue Position für die nächste Aufnahme zu suchen. Mit jedem Bild vergehen so Minuten, was mich zu einer achtsamen und geduldigen Arbeitsweise zwingt.

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Bearbeitung

Es kommt meiner Arbeitsweise entgegen, wenn das Ergebnis auf dem Kameradisplay so nah wie möglich am Ziel ist. Daher konfigurierte ich die OM-D direkt auf die monochrome Darstellung mit einem Orange-Filter, der starke Kontraste zwischen Wolken und Himmel hevorbringt. Der Effekt wirkt bei RAW-Aufnahmen nur auf die Vorschau. Zuhause am Rechner sind die Fotos farbig, was mir die volle Kontrolle über die Wandlung in eine schwarz-weiße Aufnahme ermöglicht.

Alexanderplatz vor der Bearbeitung

Alexanderplatz vor der Bearbeitung

In dem Vorher-Nachher-Vergleich kann man gut erkennen, dass es bei der Bearbeitung besonders um die Verbesserung der Kontraste ging. Dazu verwende ich vor allem den Korrekturpinsel, um die Klarheit, den Konstrast und die Belichtung selektiv zu verbessern. So kann ich gezielt die Strukturen im Beton des Gebäudes herausholen, während der Himmel weich bleibt. Mit dem gezielten Einsatz von Verlaufsfiltern oder einer dezenten nachträglichen Vignettierung lenke ich dann den Blick des Betrachters.

Einstellungen bei der Bearbeitung

Einstellungen in Adobe Camera RAW bei der Bearbeitung

Das Verhältnis der Gradationskurve zu den Reglern Tiefen und Lichtern wirkt im ersten Moment unlogisch. Mein Ansatz ist dabei, aus der RAW-Aufnahme das Maximum an Details herauszuarbeiten. So habe ich mehr Reserven bei der Bearbeitung. Am Ende verwende ich dann die Gradationskurve, um mit Blick auf das Histogramm eine möglichst gute Verteilung der Tonwerte zu erhalten. Insgesamt dauert die Bearbeitung so höchstens einige Minuten und kann mit Voreinstellungen leicht auf mehrere Fotos gleichzeitig angewendet werden.

Alexanderplatz nach der Bearbeitung

Alexanderplatz nach der Bearbeitung